Seit 10 Jahren betreibt der Grafikdesigner Alexander Fröde das Unternehmen Eco-Cards, das sich mit seinen Produkten und Prozessen voll und ganz dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat. Anlässlich des Firmenjubiläums blickt er zurück auf die Anfänge und erzählt, was sich seit der Gründung von Eco-Cards verändert hat. Er verrät, wer seine Wegbegleiter*innen waren und sind, was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen und warum nicht alles, was als »öko« verkauft wird, auch öko ist. Dabei scheint an vielen Stellen durch, dass Umweltschutz weit über die Verwendung von Recyclingmaterialien und Müllvermeidung hinausgeht und dass es ihm am Herzen liegt, sein Wissen weiterzugeben.

 

Gratulation! Wie fing alles an?

Aus verschiedenen Gründen endete für mich 2010 die Zusammenarbeit bei einem ähnlichen Projekt. Mir war jedoch klar, dass mich das Thema Weihnachtskarten nicht loslassen würde. Mich störte, wie viel Makulatur und Müll bei der Produktion von Weihnachtskarten entstand. Das war der Auslöser dafür, 2011 nochmals von vorne zu beginnen, und zwar »grün«. Vom Papier über die Druckfarben bis hin zu Druckerei, Webhosting etc. Alles sollte so grün wie möglich sein – am besten dunkelgrün.

Sabine Müller, die damalige Vorsitzende des Verbandes der nachhaltigen Unternehmen »dasselbe in grün«, arbeitete zu dieser Zeit im Büro gegenüber, was mich sehr prägte. Oft standen die Bürotüren offen und wenn sie mal zu uns rüberkam, hatte sie immer einen Verbesserungsvorschlag mit Augenzwinkern parat: »Jungs, kauft euch doch mal Bio-Milch. Und wenn ihr das Geld nicht habt, gebe ich euch gerne die nötigen 20 Cent dazu.« Sabine hat mir in vieler Hinsicht geholfen: Sie ließ mich an ihrem Netzwerk teilhaben, wusste stets, welcher Kontakt mir bei meinen Angelegenheiten behilflich sein würde, und half mir auch fachlich auf die Sprünge. Auch Tobias Daur, Danni Klütsch, Annette Husmann und Ulrich Freitag – weitere Mitglieder und Freunde des Verbandes der nachhaltigen Unternehmen – unterstützten mich gerade in der Anfangszeit sehr.

 

eco weihnachtskarten erste webseite

Im Oktober 2011 gingen wir mit dieser Webseite online.

 

Als ich Eco-Cards gründete und mit meinem Online-Shop für Öko-Weihnachtskarten im Oktober 2011 live ging, war ich mit diesem Konzept ziemlich alleine im Web. Ein Nischenprodukt in einer Nische. Der grüne Online-Shop war in den Kinderschuhen und parallel arbeitete ich als freiberuflicher Grafiker. Hier war ich ab diesem Zeitpunkt ebenfalls konsequent und informierte alle meine Bestandskund*innen darüber, dass ich künftige Projekte nur noch grün, nachhaltig und umweltfreundlich umsetzen würde. Fast die Hälfte ist damals abgesprungen. Allerdings kamen durch die Neuausrichtung schnell neue Kund*innen hinzu. Am meisten freute mich, dass diese viel entspannter und verständnisvoller waren, als ich es aus der »alten Agenturwelt« kannte.



Warum ausgerechnet Weihnachtskarten?

Im Rahmen meiner Selbstständigkeit als Grafiker kamen viele meiner Kund*innen zum Jahresende mit dem Wunsch nach Weihnachtskarten auf mich zu, meistens aber ohne grafische Vorgabe. »Machen Sie doch mal ein paar Vorschläge. Überraschen Sie uns!«, hieß es. Das ist natürlich das genaue Gegenteil von dem, womit ein Grafiker arbeiten kann. Da aus mehreren Entwürfen letzten Endes nur einer herausgepickt wurde, begannen die Weihnachtsmotive sich auf meiner Festplatte zu häufen. Da kam mir die Idee, ein PDF mit allen ungenutzten Weihnachtskarten-Designs zu erstellen und es an meine Kund*innen zu schicken, schon bevor diese nach Weihnachtskarten fragten. Der Plan ging auf. Der nächste Schritt war der Online-Shop.



Was ist in den letzten 10 Jahren passiert?

Viel! :-) Zuerst musste ich lernen, wie ich mir realistische Deadlines setze und meine Zeitplanung konsequent einhalte. Ebenfalls neu für mich war es, Werbung zu machen, da ich nun einen kleinen Online-Shop mit einem Nischenprodukt betrieb. Herauszufinden, welche Werbemaßnahmen die beste Wirkung erzielen, war gar nicht so einfach. Ich habe mir Grundkenntnisse im Bereich Suchmaschinenoptimierung beigebracht (wer schon einmal eine Rechnung von einer SEO-Agentur bekommen hat, versteht warum) und zusammen mit meinem Web-Entwickler und gutem Freund Max Girkens einiges darüber gelernt. Gemeinsam haben wir sehr viel ausprobiert und sehr viel umgesetzt. Und zum ersten Mal verstand ich auch, was es bedeutet, ein Einzelunternehmer zu sein: Von der Produktentwicklung und der Suche nach schönen Recyclingpapieren über Marketing, SEO, Redaktion bis hin zu Akquise und Kundenservice lag plötzlich alles in meiner Hand.

Vor fünf Jahren kamen erste Ankündigen zur neuen DSGVO, die mich etwas nervös machten. Für die Umsetzung der Vorgaben hatte ich nur circa ein Jahr, in dem viele Aufgaben auf mich zukamen, die mich vor so manche Herausforderung stellten. Es gab keine geeigneten Tools, weshalb technisch vieles selbst entwickelt werden musste und auch die Gesetze waren zum Teil nicht eindeutig. Dank der neuen DSGVO habe ich jedoch viel über Datenschutz gelernt und mich zu guter Letzt komplett gegen eine Nutzung von Google- und Facebook-Produkten entschieden, weil deren Umgang mit personenbezogenen Daten sich nicht mit meinen Idealen vereinbaren lässt.

Ebenfalls vor etwa fünf Jahren hat Eco-Cards sich erstmals selbst getragen, sodass ich die nebenberufliche Arbeit als freier Grafikdesigner einstellen konnte. Anfangs hatte Eco-Cards wenige Kund*innen, von denen mehr als die Hälfte schon nachhaltige Unternehmen waren. Heute hat sich das verschoben, denn auch bei Unternehmen, die nicht primär auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausgelegten sind, gewinnt das Thema mehr und mehr an Bedeutung. Etwa 80-90 Prozent meiner Kund*innen legen Wert darauf, die restlichen 10-20 Prozent sind von den Designs und den außergewöhnlichen Papieren fasziniert. Schätzungsweise 20–25 Prozent sind sogar Stammkund*innen, die meinen Service schätzen und mich jedes Jahr mit der Gestaltung ihrer Weihnachtskarten beauftragen. Das macht mich ziemlich stolz.

Insgesamt freue ich mich darüber, wie viel ich in den letzten 10 Jahren über das Führen eines kleinen Unternehmens, aber auch über Umweltschutz allgemein gelernt habe und wie sehr das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft gewachsen ist. Ich bin noch nicht da, wo ich gerne sein möchte, aber ich habe schon einige große und ganz viele kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht.

 

Gib doch mal drei Beispiele für deine Schritte hin zu mehr Umweltschutz.

2014 hatte ich die Idee, meine Kund*innen über das Thema »Spenden zu Weihnachten« zu informieren, denn mir war aufgefallen, dass viele Menschen gerne spenden würden, aber nicht wussten, an welche Organisationen oder Projekte. Oft stand die Frage im Raum, wie viel von der eigentlichen Spende wirklich dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Daher habe ich das Online-Magazin »In guten Händen« veröffentlicht, in dem sich verschiedene Umweltorganisationen, mit denen ich seit 2011 in Kontakt stand und deren Arbeit ich sehr schätze, vorstellen konnten. Organisationen wie Greenpeace, Robin Wood, urgewald, ProRegenwald oder die Kölner Tafel konnten darin Spendenbeispiele nennen, die neben einer Beschreibung auch schon eine konkrete Summe als Spendenziel zeigten. So wussten die Leser*innen ganz genau, was mit ihrer Spende geschehen würde.

 

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Das Spendenmagazin »In guten Händen« von 2014.

 

Leider erzielte das Magazin nicht den gewünschten Effekt, weshalb ich nach zwei Jahren kurzerhand das Projekt »Handbedruckte Weihnachtskarten« ins Leben rief. Hier war eine Spendenpauschale enthalten, die jedes Jahr an ein von mir ausgewähltes Projekt ging. So wurde den Kund*innen die Entscheidung in Bezug auf die Spendenempfänger abgenommen, was die Hemmschwelle merklich abbaute. Die Karten im 5er-Set werden bis heute von mir und Ulrich Freitag von Hand bedruckt und konfektioniert. Oft bekommen wir dabei Hilfe von Freund*innen, die das Projekt mit ihrer Zeit unterstützen. Außerdem erhalten wir kostenfrei Kartenrohlinge von »Printweb« und Briefhüllen von »rugi«, die damit ebenfalls einen Beitrag leisten. 2019 haben Ulrich Freitag und ich in Zusammenarbeit mit dem Kölner Grafikdesigner Alex Ketzer ein Aufforstungsprojekt im Hochwildschutzpark Rheinböllen initiiert, dem die Erlöse zugute kommen. Für jedes verkaufte Kartenset pflanzen wir nun unter der Leitung von »Landesforsten Rheinland-Pfalz« einen klimaresistenten Baum. Die Pflanzaktion im letzten Jahr war ein voller Erfolg und wir freuen uns schon auf die nächste, die diesen Oktober stattfindet.

Zwei weitere Schritte hin zu mehr Umweltschutz machte ich nach einem spannenden Vortrag des urgewald e. V. Dort habe ich gelernt, wo die Kohle, die in Deutschland zur Energiegewinnung eingesetzt wird, eigentlich herkommt. Was mir bis dato nicht klar war: Deutsche Kohle wird nur zu einem sehr geringen Anteil verwendet. Der Großteil kommt aus Übersee und wird unter menschenfeindlichen und umweltschädlichen Methoden abgebaut. Gruselig. Zu dieser Zeit bezog ich Strom und Gas zwar bereits über Greenpeace Energy, doch dieser Vortrag bestärkte mich noch einmal in meiner Überzeugung, dass es wichtig ist, sich im Detail damit zu beschäftigen, welche Unternehmen ECHTEN Ökostrom anbieten.

In diesem Vortrag ging es auch um die Frage, was manche Banken mit dem Geld auf den Konten ihrer Kund*innen anstellen. Hier wurde es noch gruseliger. Banken buttern das Geld natürlich da hinein, wo es am meisten Profit gibt. Und das sind Dinge, die kaum jemand persönlich unterstützen würde: Krieg, Waffen, Atomenergie, Kohle, Tierversuche etc. Dass ich auch privat zu einer nachhaltigen Bank wechseln würde, stand sofort fest. Die Broschüre zu Umwelt und Ethik bei Bankgeschäften des urgewald e. V. liefert wirklich interessante Hintergründe und zeigt, wie viel sich durch einen Wechsel erreichen lässt. Gerade die Wahl der Bank beruht oft auf Gewohnheit, daher ist es meiner Ansicht nach wichtig, im eigenen Familien- und Freundeskreis über dieses Thema zu sprechen und Alternativen aufzuzeigen.

 


Lernst Du nach 10 Jahren immer noch dazu?

Auf jeden Fall! Das Grundprinzip von »grün drucken« ist schnell verstanden, aber es verändert sich ständig etwas. Es kommen neue Farben, Veredelungen oder Papiere auf den Markt, die ausprobiert und bei denen Qualität und Nachhaltigkeit hinterfragt werden müssen.

Aktuell recherchiere ich nach einem neuen Papier. Zu einem optisch warm-geblichen Papier mit weicher Haptik, das »nur« FSC-Mixed zertifiziert ist, finde ich leider keine Alternative, die zu 100 Prozent aus Recyclingpapier besteht. Allerdings möchte ich mich nicht mit einem FSC-Papier zufriedengeben. Evelyn Schönheit vom Forum Ökologie & Papier, die eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet ist, unterstützt mich bei meiner Suche.

2019 hat einer der größten europäischen Papierhersteller einen Produktionsstandort geschlossen und den Bereich Recycling-Zellstoffproduktion vollständig eingestellt. Dies musste von anderen Herstellern aufgefangen werden, was zu extremen Engpässen führte. Bestimmte Papiersorten waren für mehrere Wochen nicht verfügbar, was auch mein Angebot beeinflusste. Zum Glück haben die meisten meiner Kund*innen sehr entspannt reagiert und sind auf andere Papiere umgeschwenkt. Dadurch wurde mir einmal mehr bewusst, dass Ressourcen endlich und eben nicht unbegrenzt verfügbar sind, wie wir hierzulande oft glauben. Außerdem habe ich gelernt, dass die offene Kommunikation auf Augenhöhe mit meinen Kund*innen die Grundlage einer guten Geschäftsbeziehung ist.


Heute ist Nachhaltigkeit in aller Munde – wie war es damals? Was war Dein persönlicher Anreiz, umweltfreundliche Papierprodukte auf den Markt zu bringen?

Damals war ich der Einzige, der mit den Suchbegriffen »Nachhaltige Weihnachtskarten« oder »Öko Weihnachtskarten« im Netz zu finden war. Es gab eine Handvoll Druckereien, die nachhaltig und umweltfreundlich druckten – unter anderem Pioniere wie »Lokay«, »grün-gedruckt.de« oder das »Druckhaus Berlin-Mitte« –, aber unter den Online-Weihnachtskarten-Anbietern und -Verlagen gab es keinen, der auch nur ansatzweise nachhaltig produzierte.

 

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Nachhaltiges Design: Unser Journal 2013 ist Poster und gleichzeitig auch Briefumschlag für Musterkarten.

 

Auch geschäftliche Weihnachtskarten sind letzten Endes ein »Mailing«, das mit großer Sicherheit schnell im Müll landet. Bei der Gründung von Eco-Cards hatte ich dies im Hinterkopf und wollte mindestens drei Punkte an dieser Situation verbessern. Zum Ersten sollten für die Produktion keine Bäume abgeholzt werden. Dann sollte die Druckerei stückgenau produzieren (weniger Makulatur und Abfall) und mit mineralölfreien und umweltfreundlichen Farben drucken. Zuletzt sollten die Karten durch Gestaltung, Papier, Veredelung und den Nachhaltigkeitsaspekt so besonders sein, dass sie sich von anderen geschäftlichen Weihnachtskarten abheben und nicht direkt in den Papierkorb wandern.

 

Wie hat sich der Markt in den letzten 10 Jahren entwickelt? Hast Du das Gefühl, dass sich das Umweltbewusstsein seit der Gründung von Eco-Cards verändert hat?

Ein bis zwei Jahre nachdem mein Shop online gegangen war, haben plötzlich alle Verlage und Wettbewerber auch Öko-Weihnachtskarten angeboten. Allerdings waren diese oft nur teilweise »öko«. Das angebotene Papier hatte manchmal Recyclingqualität – das war es aber auch schon. Kein nachhaltiges Engagement, keine umweltfreundlichen Farben, kein Ökostrom, der die Druckmaschinen antreibt. Das ist wie mit dem SUV zum Bio-Supermarkt zu fahren.

Damals wie heute wird die Verantwortung, sich zu informieren auf die Konsument*innen abgewälzt. So kommt es, dass der Anbieter, der am lautesten schreit (der also die meiste Werbung macht und das höchste Budget hat), die größte Aufmerksamkeit erhält. Wenn Konsument*innen dessen Angebot nicht hinterfragen, denken sie, sie bekämen ein umweltfreundliches Produkt, was nicht immer den Tatsachen entspricht.

Der Begriff »Nachhaltigkeit« wird leider allzu oft falsch oder verzerrt zu Marketingzwecken eingesetzt. Weil viele Menschen glauben, was sie lesen, gehen sie solchen Aussagen nicht auf den Grund. Dabei bedeutet Nachhaltigkeit ganzheitliches Denken und Handeln.

Zurück zu den Weihnachtskarten: Bis heute gibt es nur wenige Anbieter, die Nachhaltigkeit größer denken und dies entsprechend umsetzen. Die meisten Verlage und Druckereien sind wieder zum quietschigen, glänzenden Bilderdruck mit Heißfolienprägung übergegangen. Überbleibsel der einstigen Öko-Ausrichtung sind ein paar Möchtegern-Öko-Weihnachtskarten, die jedoch aus Frischfaserpapier bestehen und bei denen der braune Naturkarton nur aufgedruckt ist.

Der Begriff »Öko-Weihnachtskarte« wird inzwischen von vielen Verlagen und Druckereien nahezu inflationär eingesetzt. Oft handelt es sich auch dabei um Greenwashing, das es zu hinterfragen gilt. Ich hoffe daher, dass Kund*innen diese werbewirksame Bezeichnung prüfen und den Verlag oder die Druckerei durch konkretes Nachfragen in Erklärungsnot bringen, damit solche Geschäftspraktiken keine Chance haben.

 


Was möchtest Du in den nächsten 10 Jahren erreichen?

So langfristig plane ich gar nicht. Ich mache mir eher Gedanken über näherliegende Ziele. Die nächste Firmenbroschüre, die neuen Motive für die Kollektion im kommenden Jahr, Ideen für neue Papiere oder weitere nachhaltige Veredelungsmethoden.

Ich habe nicht den Anspruch, dass meine kleine Firma schnell wächst und ein großes Unternehmen wird – dann wäre ich nämlich nur noch Geschäftsführer. Ich möchte weiterhin Weihnachtsmotive gestalten und persönlich mit Kund*innen an Projekten arbeiten. Was gerne weiter wachsen darf: mein Anspruch an Design, Qualität und Nachhaltigkeit und mein eigenes Engagement für den Umweltschutz.